Jugendfußball in Velbert

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Wie Neymar jr. den Jugendfußball in Velbert korrumpiert hat

Dieser Vereinswechsel eines Spielers in diesem Sommer hat das Fußballgeschäft in einer nie dagewesenen Art und Wiese verändert. Neymar jr. ist für mehr als 220 Mio. Euro von Spanien nach Paris gewechselt und damit alle Grenzen des (finanz-)moralischen Anstands gesprengt. Dabei geht es natürlich auch um nicht weniger, als um die ethischen Grenzen eines grenzenlosen Kapitalismus, der nun unweigerlich im Fußball Hof hält, oder die humanistische Frage, ob ein Mensch mit einem solchen Batzen Geld zu bewerten ist. Nein, ganz andere Folgen und Auswirkungen treffen den Fußball in Velbert. Den Fußball in Velbert? Durch den Transfer von Neymar jr.? Ja, denn der Verlust von Schranken und Grenzen wirkt bis ins letzte deutsche Fußballdorf, wo es Jugendfußball gibt. Und in Velbert gibt es ein umfangreiches Kinder- und Jugendfußballangebot. Von den Mini-Kickern bis zu den A-Jugendmannschaften, die auf dem Sprung in den Seniorenfußball stehen bieten zahlreiche Vereine ehrenamtlich geführte Trainings- und Spieleinheiten für Jungen und Mädchen. In Langenberg, Neviges und Velbert-Mitte regiert auf den Sportanlagen und Bolzplätzen der König Fußball. Deutschlands Sportart Nummer 1 bestimmt das Freizeitgeschehen, stärkt das Gemeinschaftsgefühl, steigert die körperliche Fitness und sorgt Freude und Freizeitspaß.

Doch der Schatten von Neymar und den maßlosen Vereinsfunktionären in Spanien, England und Frankreich haben einen Geist aus der Flasche gelassen, der auch die hiesigen Verantwortlichen unserer Fußballvereine umschwirrt und vernebelt. Es geht um ein Machtinstrument von Vereinen und Funktionären, dass zunehmend hemmungslos zum Einsatz gebracht wird. Nämlich Kinder- und Jugendliche bei einem Vereinswechsel von der Teilnahme am sportlichen Geschehen auszuschließen, sprich zu sperren. Ein viertel Jahr (!) hat jeder Verein dazu die Gelegenheit und das Recht (!), sofern er es denn möchte. Begründungfrei wird mit diesem Mittel Vereinspolitik betrieben und somit der Sinn von Kinder- und Jugendmannschaftssport mit Füßen getreten.

Grundsätzlich hat jeder Sportler das Recht sich seinen Verein selbst und nach eigenen Kriterien auszuwählen und dort seinen Sport auszuüben. Dies gilt für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Spielt beispielsweise ein Jugendlicher in einer Mannschaft, die sich in einer Meisterschaftsrunde mit anderen Vereinsmannschaften im sportlichen Wettbewerb misst, braucht sein Verein hierfür natürlich Kontinuität und Verlässlichkeit. Schließlich muss die Saison sportlich fair zu Ende gebracht werden und die engagierten Trainer und Ehrenamtler brauchen eine belastbare Basis für die Planung der sportlichen Aus- und Weiterbildung der Kids. Darum sieht das Regelwerk vor, dass man nur nach der Beendigung einer Spielserie (Saison) sich zum Vereinswechsel entschließen soll und diesen in einem sogenannten Wechselzeitraum vollzieht. Jahrelang klappte dieses Vorgehen allenthalben in einem für alle vertretbaren Rahmen. Wer sich daran nicht hielt, oder versuchte seinen alten Verein gar schlecht zu stellen (etwa durch Nichtzahlung von Beiträgen oder Zurückhalten von vereinseigener Sportkleidung) musste damit rechnen, dass das „Schwert der Sperre“ zuschlug und man für dieses vereinsschädigende Verhalten zurecht mit einer Sperre belegt wurde. In den vergangenen Jahren musste jedoch beobachtet werden, dass immer häufiger Sperren gegen Kinder- und Jugendliche ausgesprochen wurden (korrekt: Nichtfreigabe des Spielers), die aber gar einem solchen Verhalten begründet waren. Man nutze diese Möglichkeit schlicht zum Schädigen des sportlichen Erfolgs seines Konkurrenzvereins! Geht`s noch, fragt sich doch da der geneigte Leser. Altherrenfehden werden auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen ausgetragen? Die sportliche Erfolgssucht manches Jugendleiters steht über dem Wohl der Entwicklung von sportlicher Kompetenz unseres Fußballnachwuchses, und zwar egal in welcher individuellen Qualitätsstufe? Ja, genau das ist der Fall. Natürlich würde das die Vereine, die sich selbst als das Sportliche Aushängeschild unserer Stadt bezeichnen, niemals so offen zugeben. Lieber beruft man sich auf Statuten und sogar existierende Ablöselisten, die sogar der Verband bestätigt. Das heißt nichts anders als Ablösesummen für Kinder zu bezahlen. Je nach Vereinszugehörigkeit (ah ha, je länger man seinem Verein die Treue gehalten hat, umso mehr wird man hinterher beim Wechselwunsch dafür indirekt „bestraft“) und Spielklasse hat dann der neue Verein eine „Ausbildungsentschädigung“ zu bezahlen. Nur um zu verdeutlichen: Für zwei oder drei Spieler aus unterschiedlichen Jahrgängen kommen schon einmal schnelle mehr als 1000 (!) Euro zusammen!

Zahlt der neue Verein diese Summe nicht, hat man rasch eine offizielle Begründung für eine Spielersperre parat. Die Jungen und Mädchen gucken in die Röhre, wird ihnen damit doch verboten mehrere Monate ihren Lieblingssport im Wettkampfmodus auszuüben. Die Eltern sind verwirrt, hatten sie nicht jahrelang teils üppige Beiträge für ihre Schützlinge an den Verein überwiesen, sich ebenfalls ehrenamtlich mit Zeit und Geld als Fahrer, Sponsor, Fan und Begleiter um die Mannschaft des Juniors verdient gemacht? Nun, all das zählt nicht, wenn man den Vereinswechsel von Kindern und Jugendlichen als Instrument der persönlichen Profilierung auf Vorstandsebene der lokalen Vereinsszene missbraucht. Wer die Nummer eins im Sport sein will, nutzt die Regeln nach seinem eigenen Verständnis von Moral und Ehre. 

Wie viele kleinere Vereine, die sich seit geraumer Zeit von der widerwärtigen Praxis für Sportkids Geld zu bezahlen distanziert haben, hat nun auch der SV Union Velbert mit seinen 17 Jugendmannschaften im Jungen-und Mädchenfußball einen richtungsweisenden Beschluss gefasst: „Egal, ob sich die sportliche Qualität eines Teams durch den Fortgang einer Spielerin oder eines Spielers verschlechtert, jedes Kind und jeder Jugendliche wird von uns immer und ohne Auflagen freigegeben,“ kommentiert Marc Rüb, Jugendkoordinator des Vereins, das einstimmige Votum der Jugendabteilung. „Wir wollen, Sport und Fairness als oberste Maxime unserer ehrenamtlichen Tätigkeit für den Sport und für die Gesellschaft verankern,“ so Rüb weiter. Für seine Einstellungen zu stehen bedeute dann eben unter Umständen auch, dass man sich von vielleicht legalen aber aus Sicht des Vereins nicht legitimen Handlungsoptionen distanziere und dieses auch öffentlich bekunde.

„Das habe ich beim Sport gelernt“, heißt die aktuelle und mehrfach bereits ausgezeichnete Kampagne des Landessportbunds NRW. In vielen tausend Videos und Statements zeigen Groß und Klein, dass Sport mehr ist als körperliche Ertüchtigung. Es ist auch das Erlernen des richtigen und sozialadäquaten Umgangs miteinander. Frei von Eifersüchteleien, Eitelkeiten und Unfairness. Wer dies verstanden hat, wird vielleicht auch dem Beispiel von Union Velbert folgen. Zum Wohle des Sports und vor allem der Menschen, die sich dort zuhause fühlen. Unser lokaler Sportverein ist für viele Menschen die Heimatstätte der eigenen Freizeitgestaltung – in einer Zeit zunehmender Entfremdung, Individualisierung und Ellebogenmentalität. Darüber sollten wir nachdenken.